Was bedeutet systemisch im Coaching?*

*mit Übung: systemische Fragen ausprobieren + Tipp: Ziele smart zu formulieren + Lesetipp

Systematisch, schematisch, aber systemisch?! Und tatsächlich eine häufig gestellte Frage: Was bedeutet „systemisch“ im Coaching eigentlich genau?

Coaching ist mittlerweile ein geflügelter Begriff. Vereinfacht erklärt, begleitet der Coach jemanden auf dem Weg zu seinem Ziel. Der Coach ist dabei sowas wie ein Prozess-Manager, der mit den passenden Fragen und Interventionen seinem Gesprächspartner ermutigt, neue Perspektiven einzunehmen und seinen Handlungsrahmen zu erweitern. Dabei nimmt er eine objektive, nicht bewertende Haltung ein.

Das große Ganze

Systemisch hat in Bezug auf Coaching gleich mehrere Bedeutungen: Zum einen meint es, dass der Coach nicht nur den Mensch allein und losgelöst betrachtet, sondern ihn in seinem System (z.B. in seiner Familie oder im beruflichen Kontext). Wenn ich an einem Punkt etwas verändere, welche Auswirkungen hat dies auf andere Elemente in meinem System?

Diese ganzheitliche Betrachtung ist sehr zeitgemäß, aber auch sehr hilfreich. Es bedeutet auch das große Ganze im Auge zu behalten und einzelnen Elemente in Beziehung zu setzen, ihre Wechselwirkungen zu beobachten. Das bringt nicht nur neue Erkenntnisse, sondern oft auch Lösungen für bestimmte Herausforderungen mit sich.

Positive Absichten

Systemisch auf Herausforderungen zu schauen, fördert auch Verständnis für sich selber zu haben: jeder von uns bringt ganz viele Ressourcen und Fähigkeiten mit, sein Problem zu lösen bzw. sein Ziel zu erreichen. Selbst Hindernisse haben oft eine positive Absicht und sind in anderem Kontext in dem System wichtig. Angst ist hier ein Beispiel: die Angst vor einem Abgrund hat die positive Absicht, unsere Körperreaktionen in entsprechende Alarmbereitschaft zu setzen, uns zu konzentrieren und zu schützen. Oft verspüren wir aber in Situationen Angst, wo sie „rational“ betrachtet eigentlich nicht richtig passt.

Die systemische Grundhaltung hilft dabei, Möglichkeiten zu schaffen, Alternativen zu sehen und neue Verhaltensstrategien für sich zu entwickeln.

Konstruktivismus

Ein Bestandteil ist dabei der konstruktivistische Ansatz: Die Grundannahme, dass Jeder seine eigene Realität konstruiert und damit folglich die Möglichkeit diese zu beeinflussen und den Umgang mit ihr zu verändern. Eine Denkweise, die die Eigenverantwortlichkeit und Selbstwirksamkeit stärkt.

Jeder (psychisch gesunde) Mensch hat mit dieser Betrachtungsweise die Fähigkeit, seine Probleme zu lösen und Ziele zu erreichen. Der Mensch ist in seinem System DER Experte für Veränderungsprozesse. Systemisches Denken und Arbeiten ermöglicht es, Lösungen für sich zu entwicklen, die für das eigene System hilfreich sind.

 

*ÜBUNG:

Probiere es selbst. Vielleicht hast du ja gerade einThema, was dich beschäftigt und woraus du ein Ziel für dich formulieren kannst (siehe unten Tipps Ziele SMART zu formulieren).

Hier sind ein paar systemische Beispiel-Fragen, die du dir mit Zettel und Stift selber beantworten kannst:

Was müsste sich verändern, um dein Ziel zu erreichen?

Welcher deiner Fähigkeiten helfen dir dabei das Ziel zu erreichen? Schreibe mindestens 7 auf…

Wer aus deinem Umfeld könnte dir bei der Erreichung deines Ziels helfen?

Wer hat in Bezug auf dieses Thema eine Art „Vorbildfunktion“ und was würde die Person tun?

Was müsstest du tun, damit du das Ziel auf gar keinen Fall erreichst?

Was würde geschehen, wenn dein aktuelles Thema schlagartig verschwunden und dein Ziel erreicht wäre?

Was wäre dann anders? Was noch? Was noch? Notiere mehrere Punkte, bis du „was noch“ nicht mehr beantworten kannst…

Wie würdest du dich dann fühlen? Was noch? Notiere mehrere Punkte, bis du was noch nicht mehr beantworten kannst…

Wer würde es als erster merken? Wer als letzter?

Wann und in welchem Kontext sollte etwas vom Status Quo erhalten bleiben?

Welche Konsequenzen hat das Erreichen des Ziels?

Was sind deine nächsten Schritte, um das Thema anzugehen?

 

*TIPP: Ziele SMART formulieren

Sinnesspezifisch: präzise in der Gegenwart formulieren, keine Negation

Messbar: Messkriterien; keine Vergleiche wie „weniger“ oder „mehr“woran kannst du messbar erkennen, dass das Ziel erreicht ist?

Attraktiv: ist das Ziel motivierend und anziehend (nicht zu groß und nicht zu klein, nicht unter- aber auch nicht überfordernd)?

Realistisch: eigenverantwortlich und alleine erreichbar; ist das Ziel grundsätzlich realistisch?

Terminiert: Datum bzw. Zeitraum konkret benennen, z.B. in 2 Monaten; bis wann soll das Ziel erreicht sein? Auch mögliche Zwischenziele terminieren

 

 *LESETIPP
Manfred Prior: MiniMax-Interventionen – 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung