EMDR – effizient emotionale Belastungen lösen

Ausschnitt Gesicht einer blonden jungen Frau mit blau-grünen Augen. Sie schaut in die Leere es ist ein weißer Hintergrund zu sehen.
Ein mittelalter Mann mit locker getragenen weißen Hemd und schwarzem Jackett schaut lächelnd in die Kamera.
Andreas Zimmermann, Leiter EMDR-Akademie

INTERVIEW mit Andreas Zimmermann, Leiter der EMDR-Akademie

Ursprünglich zur Traumabewältigung therapeutisch genutzt, kommt EMDR heute in Coaching und Therapie immer häufiger zum Einsatz.  Emotionale Belastungen mit EMDR effizient aufzulösen, damit machen viele Klienten positive Erfahrungen.

Aber was bedeutet EMDR eigentlich und wie wirkt es genau? Ich habe mit dem Ausbilder und Leiter der EMDR-Akademie, Andreas Zimmermann, gesprochen.

Andreas, das Kürzel EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Was versteckt sich hinter dieser Beschreibung?

EMDR bedeutet, dass über eine Reihe gezielter Augenbewegungen bei dem Klienten ein Verarbeitungsprozess in Gang gesetzt wird, der mit einer Desensibilisierung des ursprünglich belastenden Materials oder Themas verbunden ist.

Somit werden die Inhalte Teil der eigenen Lebensgeschichte, können integriert werden und haben keine Macht mehr über den Klienten. Dem Klienten ist es somit möglich, seine Gedanken und Bewertungen zu steuern, wieder in Kontakt mit seinen Emotionen und seinem körperlichen Erleben zu sein – letztendlich mündet dies in selbstgewähltem und freieren Handeln.

Mittlerweile ist es auch Standard, nicht nur über die Augen, sondern auch mit anderen Formen der bilateralen Stimulation (taktil oder akustisch) zu arbeiten.

Eine spannende und sehr effiziente Methode. Wie wirkt EMDR genau?

Die Wirkungsweise des EMDR nennt sich AIP (Accelerated Information Prozess), übersetzt: Prozess der beschleunigten Informationsverarbeitung. Hier kommen drei Wirkmechanismen zusammen:

Dekonditionierung: Dadurch, das der Klient während des Arbeitens mit EMDR immer mehr entspannt und sich in diesem Zustand mit dem belastenden Material auseinandersetzt, wir ein klassischer Entkonditionierungs-Prozess in Gang gesetzt. Dieses Wirkprinzip ist Kerninhalt der systematischen Desensibilisierung aus der Verhaltenstherapie – bei EMDR geschieht es „so ganz nebenbei“.

Aufmerksamkeitsteilung: Während einer EMDR-Sitzung richtet der Klient seine Aufmerksamkeit einerseits auf seine Vorstellungen und seine Innenwelt, ein anderer Teil seiner Aufmerksamkeit bleibt jedoch bei der Wahrnehmung der bilateralen Stimulation, z.B. den Bewegungen der Finger des Therapeuten. Dadurch lernt er, seine Aufmerksamkeit zu steuern, vermehrt im Hier und Jetzt wahrzunehmen und somit erlangt er zunehmend Kontrolle – frei nach dem Grundsatz „Energie Follows Attention“, Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Neuronale Wirksamkeit: Es findet eine Veränderung des synaptischen Potenzials durch die mittels äußerer Stimuli erzeugten neuronalen Impulse statt. Was sich kompliziert anhört ist eigentlich ganz einfach – unter gezielter Anleitung des Therapeuten findet im Wachmodus eine mentale und emotionale Verarbeitung statt, die im Traum ganz unbewusst und selbstverständlich geschieht. Beteiligt daran sind hauptsächlich unsere Amygdala (unser Bewertungsorgan), der Hippocampus (unser Gedächtnismanager) sowie eine Synchronisation beider Gehirnhälften. Im Rahmen dieser Prozesse kommt es zur Ausschüttung verschiedener Hirnbotenstoffe, die für eine Verarbeitung der belastenden Inhalte sorgen.

Das wichtigste Wirkprinzip sind jedoch meines Erachtens die Ressourcen und der Zugang zu denselben seitens des Klienten sowie eine empathische, vertrauensvolle und sichere Arbeitsbeziehung zwischen Therapeut und Klient.

Ich persönlich bin so begeistert, dass es solche Methoden gibt und ganz fasziniert, weil ich mich frage: Wie kommt man auf diese Zusammenhänge? Wie ist die Methode entstanden?

Bilaterale Stimulation finden wir in uralten schamanistischen Techniken, aber auch seit dem 18. Jahrhundert in der Hypnose oder seit den 70er Jahren im NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren). Im Grunde ist Laufen nichts anderes, und somit vermutlich ein zentrales psycho-hygienisches Instrument der Menschheit.

EMDR wurde von Francine Shapiro entwickelt, die – inspiriert durch einen Spaziergang mit besonderen Lichtverhältnissen – emotionale Entlastung hinsichtlich eines eigenen, persönlich belastenden Erlebens erfahren hat. Sie entwickelte genialer Weise ein Protokoll (spezifische Vorgehensweise), in dem als zentrales Element die Augenbewegungen eingebettet waren. Ferner hatte sie den Mut und die Zuversicht, dieses Verfahren zahlreichen wissenschaftlichen Studien zu unterziehen, um somit die Wirksamkeit von EMDR zu belegen und eine Vergleichbarkeit mit anderen Methoden zu ermöglichen.

Kannst du uns einen Einblick in deine Arbeit geben: wie kommt EMDR bei dir zur Anwendung?

So sehr mein Herz auch für diese Methode schlägt – ein Therapeut oder Coach sollte immer einen gut sortierten „Werkzeugkasten“ zur Verfügung haben. Es geht bei der Auswahl der Methode in erster Linie darum, dem Klienten gerecht zu werden. Da meine Frau und ich hinsichtlich EMDR in den letzten Jahren viel geforscht und EMDR kreativ weiter entwickelt haben (die Methode nennt sich BRAINLOG), kann ich heute sagen, dass wir bilaterale Stimulation oft auch  synergetisch mit anderen Methoden verknüpfen und nahezu bei den meisten Therapien oder Coachings einsetzen.

Mittlerweile gibt es recht viele EMDR-Protokolle (Trauma, Psychosomatik, Angst, Trauer, Allergie u.v.m.) – ein ganz logischer Rückschluss lässt aber auch die Annahme zu, dass eine Methode, die oftmals so kraftvoll bei traumatisierten Menschen wirkt, umso besser im Coaching oder Fragen der Lebensbewältigungshilfe eingesetzt werden kann.

Wenn ich das gerne einmal für mich ausprobieren möchte: wie finde ich den passenden Coach oder Therapeuten für mich?

Die Arbeit mit EMDR verlangt eine profunde und intensive Ausbildung. Ein guter Weg ist mit Sicherheit die persönliche Weiterempfehlung – also, wer hat bei wem gute Erfahrungen mit dieser Art der Arbeit gemacht. Ferner bietet die Therapeutenliste der EMDR-Akademie eine optimale Anlaufstelle. Alle dort verzeichneten Therapeuten oder Coaches haben eine hochqualifizierte Ausbildung durchlaufen (einzige vom VDH, Verband Deutscher Heilpraktiker zertifizierte Ausbildung) und es ist erkennbar, mit welchen Arbeitsschwerpunkten sie unterwegs sind.

Ich kann als Interessierter nach Postleitzahlen, nach Bundesländern oder alphabetische selektieren, mit denen, die mir zusagen, Kontakt aufnehmen, um dann eine sichere und gute Entscheidung zu treffen. Die Adresse lautet: https://www.emdr-akademie.de/therapeuten/index.php

Andreas, vielen lieben Dank für deine Zeit und das Interview.

 

*AUSBILDUNG

Du möchtest mehr über die Ausbildung in EMDR erfahren? Dann schau gerne bei Andreas auf der Homepage vorbei:

https://www.emdr-akademie.de/

Auf der Webseite findet ihr auch die nächsten Ausbildungstermine.

 

 

*LESETIPPS

Buch von Francine Shapiro: EMDR – Grundlagen & Praxis: Handbuch zur Behandlung traumatisierter Menschen